Ausgabe Oktober 2011

Mit Blick zurück nach vorn

„Seit einigen Tagen habe ich ein neues Motto, das wohl von einem nordischen Philosophen stammt: ,Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.’ Also Augen zu und durch! Wenn ich genug Vergangenheit angesammelt habe, erkenne ich den Sinn meines Lebens und schreibe eine Biografie“, frohlockte ein dynamischer Unternehmer. „Gut gebrüllt Löwe, wenn man für sich allein verantwortlich ist“, warf ein Personalberater ein: „Der Philosoph heißt übrigens Sören Kierkegaard (1813-1855), ist Däne und richtig zitiert: ,Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.’ Es ist also genau anders herum und wichtig, wenn man für Personalbeurteilungen zuständig ist.“

Allerdings ist Leben nur nach vorn möglich. Es ist eine Zeitspanne zwischen Entstehen und Vergehen, die in der Zeit oder parallel zur Zeit verläuft und daher nur die Richtung der Zeit annehmen kann. Leben ist daher auch ohne Sinn und ohne Zukunftsprognose möglich. Kierkegaard unterstellt dem denkenden Menschen, dass er seinem Leben einen Sinn geben möchte. Dazu bedarf der Mensch der Interpretation seiner Vergangenheit, um seine Zukunft erkennen und vielleicht sogar gestalten zu können. Diese Selbstreflexion vermag er auch auf andere Personen zu übertragen.

Bei einem lokalen Zeitungsverlag hatte sich ein Vertriebsleiter beworben, der in einer Lokalzeitung Vertrieb gelernt, bis in die Leitung einer überregionalen Zeitung aufgestiegen, danach die Branche verlassen hatte. Der Geschäftsführer witterte seine Chance, eine solche Koryphäe für seinen kleinen Verlag einstellen und den Vertrieb durch deren Erfahrungen verbessern zu können. Auf die Einstellung folgte bald die Entlassung.

Der Geschäftsführer hatte zwar die Karriere des Bewerbers in der rückwärtigen Schau vertrieblich verstanden, aber sie vorwärts missinterpretiert. Er hatte versäumt, die Länge der einzelnen Stationen im Werdegang des Bewerbers zu analysieren. Dann hätte er bemerkt, dass der Karriere kein lückenloser Zeitstrahl, sondern ein Muster voller Unterbrechungen zugrunde lag. Die Rückschau hätte also eine vertriebliche Tätigkeit mit vielen Brüchen gezeigt, die für die Zukunft nur eine begrenzte zeitliche Spanne bei der lokalen Zeitung zulassen würde. So war es schließlich auch.

Für die Bewerberbeurteilung gilt, dass der Werdegang die Grundlage für eine Schau nach rückwärts bildet. Ihm organisch zu folgen, schafft die Möglichkeit, den Bewerber zu verstehen. Das Stellenprofil der angebotenen Position ist die Basis für die Schau nach vorn. Beides zu verbinden, ist die Aufgabe der Stellenbesetzung. Mit dem Dienstantritt beginnt für den Bewerber im neuen Unternehmen das Arbeitsleben vorwärts. Der Richtung kann er sich nicht entziehen, doch er kann Spur halten mit Blick zurück nach vorn.

Dr. Kurt Kettembeil