Ausgabe Oktober 2009

Branchenidiotie

„In unserer Branche finden längst keine Innovationen mehr statt. Vorreiter sind inzwischen ganz andere Wirtschaftsbereiche. Deshalb rekrutieren wir dort unsere Führungskräfte, um unseren kreativen Vorsprung vor den Marktteilnehmern zu erhalten“, erklärte ein Unternehmer die Neuausrichtung seiner Personalsuche. Der Beifall seiner Kollegen war verhalten, die Nachdenklichkeit aber spürbar. Zu rigoros und oberflächlich ist sicherlich ein Statement, dass eine Branche an innovativen Führungskräften ausgebrannt sei. Ein solcher Eindruck kann nur entstehen, wenn immer wieder dieselbe Personengruppe für die Personalauswahl im Blick ist. Eine Erweiterung des Winkels führt daher zu neuen Erkenntnissen. Richtig ist aber auf jeden Fall, dass Innovationen in anderen Branchen auf die eigene übertragbar sind und zu Entwicklungsschüben führen. Dort nach Managern Ausschau zu halten, ist nicht verkehrt, setzt aber die Erkenntnis voraus, dass solche Leute, im eigenen Betrieb eingestellt, immer Quereinsteiger sind und deshalb entsprechend betreut werden müssen.

Für die Suche nach Branchenfremden hatte der Unternehmer ein Rekrutierungsteam zusammengestellt. Es bestand aus den jeweiligen Abteilungsleitern als Fachleuten und dem Personalleiter. Erst in der zweiten Stufe klinkte sich der Unternehmer selbst ein. Eine sehr gute Stellenbesetzung war durch dieses Team zustande gekommen. Doch danach stockte der Nachschub, während in Kollegenbetrieben die Rate innovativer Quereinsteiger signifikant stieg.

Eine Analyse ergab, dass die Abteilungsleiter ihr eigenes Fach- und Branchenwissen zur Einstellungsvoraussetzung gemacht hatten. Wer Branchenwissen auf deren Niveau nicht vorweisen konnte, schied als Bewerber aus. Fachkompetenz und Innovationskraft wurden nicht weiter hinterfragt. So wurde allen Ernstes einem Leiter Materialwirtschaft eine Assistentenstelle angeboten, bis er sein Fachgebiet nach den Besonderheiten der für ihn neuen Branche vollständig erlernt habe. So verprellt, sagte er seine Bewerbung ab und nahm eine Anstellung bei einer Konkurrenzfirma an, die stattdessen das begehrte Know-how erhielt.

Die innovative Strategie der Personalbeschaffung des Unternehmens war an der Fachkompetenz seiner eigenen Abteilungsleiter gescheitert. Deren hohes Niveau ließ eine Öffnung für Branchen fremde Innovationen nicht zu. Es war die Ursache für die Blindheit gegenüber neuen Ideen. Die eigene Firma des Unternehmers war ein typisches Beispiel für die beklagte Innovationsunlust der Branche. Ihr Erfolg hatte die Fachidiotie der Abteilungsleiter zur Branchenidiotie reifen lassen. Sie war die Ursache für die Abschottung gegenüber Branchen fremden Ideen und Innovationen. Wenn ein Unternehmen wirklich fortschrittliches Wissen aus anderen Branchen übernehmen möchte, muss es als erste folgende Hürde schleifen: die Branchenidiotie.

Dr. Kurt Kettembeil